
Entgegen der Annahme ist das „Recycling“-Etikett keine Garantie für Komfort oder echte Nachhaltigkeit; es beschreibt vielmehr einen materialtechnischen Kompromiss.
- Kürzere Fasern in recycelter Wolle führen unweigerlich zu schnellerem Pilling und einer raueren Haptik als bei Neuware.
- Recyceltes Gold hat eine exzellente Ökobilanz, löst aber keine sozialen Probleme im Bergbau – im Gegensatz zu Fair-Trade-Gold.
- Das Recycling von PET-Flaschen zu Textilien ist oft ein „Downcycling“ in eine Sackgasse, da ein Faser-zu-Faser-Kreislauf kaum existiert.
Empfehlung: Treffen Sie Ihre Kaufentscheidung nicht allein aufgrund des Recycling-Siegels, sondern auf Basis des Verständnisses für das jeweilige Material, seine Herkunft und seinen gesamten Lebenszyklus.
Das Versprechen von recycelter Mode ist verlockend: Stilbewusstsein zeigen und gleichzeitig dem Planeten etwas Gutes tun. Pullover aus alten Plastikflaschen, Jeans aus Textilresten und Schmuck aus eingeschmolzenem Gold füllen die Regale und suggerieren einen mühelosen Weg zu einem nachhaltigeren Kleiderschrank. Doch für viele anspruchsvolle Konsumenten bleibt eine entscheidende Frage unbeantwortet: Fühlt sich das auch gut an? Ist der recycelte Wollpullover genauso weich wie sein Pendant aus Schurwolle? Und warum scheint das teure Sport-Shirt aus recyceltem Polyester nach dem ersten Tragen schon unangenehm zu riechen?
Die gängige Diskussion konzentriert sich oft auf die positiven Aspekte wie Abfallreduzierung und Ressourcenschonung. Man kauft das gute Gefühl gleich mit. Dabei werden die materiellen Realitäten – die physikalischen und chemischen Eigenschaften, die den Tragekomfort, die Langlebigkeit und die Pflege bestimmen – häufig vernachlässigt. Es entsteht ein idealisiertes Bild, das die komplexen Kompromisse, die bei jedem Recyclingprozess eingegangen werden, verschleiert. Doch was, wenn der Schlüssel zu wirklich nachhaltigem Konsum nicht in blindem Vertrauen, sondern in fundiertem Materialwissen liegt?
Dieser Artikel bricht mit den oberflächlichen Marketingversprechen. Als Textilingenieurin nehme ich Sie mit auf eine sachliche Analyse der Materialien. Wir werden die molekulare Ebene betrachten, um zu verstehen, warum bestimmte recycelte Stoffe anders altern, riechen oder gepflegt werden müssen. Es geht nicht darum, Recycling zu verurteilen, sondern darum, Ihnen das Wissen an die Hand zu geben, um bewusste Entscheidungen zu treffen, bei denen weder der Komfort noch Ihr Gewissen zu kurz kommen. Wir untersuchen die wissenschaftlichen Gründe für Qualitätsunterschiede, decken die ethischen Dilemmata bei Edelmetallen auf und geben Ihnen konkrete, praxiserprobte Ratschläge für Pflege und Styling.
Für alle, die es eilig haben, fasst das folgende Video die Kontroversen rund um nachhaltige Mode, insbesondere bei Sneakern, zusammen und beleuchtet die Herausforderungen der Branche.
Um die komplexen Zusammenhänge zwischen Nachhaltigkeit, Komfort und Materialwissenschaft zu entwirren, beleuchten wir in den folgenden Abschnitten die spezifischen Herausforderungen und Eigenschaften verschiedener recycelter Materialien. Der Überblick hilft Ihnen, die technischen Hintergründe zu verstehen und informierte Entscheidungen zu treffen.
Inhaltsverzeichnis: Die Materialwahrheit hinter recycelter Mode
- Warum pillt recycelte Wolle schneller und was können Sie dagegen tun?
- Was ist ethisch besser: Altes Gold einschmelzen oder faires Gold schürfen?
- Warum riecht recyceltes Sportzeug schneller nach Schweiss als neues?
- Verbraucht das Recycling von Jeans mehr Wasser als die Neuproduktion?
- Welches Waschmittel zerstört die Struktur Ihrer recycelten Regenjacke?
- Warum sollten Sie Merinowolle nicht nur zum Wandern tragen?
- Warum ist ‚vergoldet‘ nicht immer die nachhaltige Alternative, die Sie denken?
- Wie stylen Sie Upcycling-Mode, ohne wie ein Bastelprojekt auszusehen?
Warum pillt recycelte Wolle schneller und was können Sie dagegen tun?
Das Phänomen des Pillings, also die Bildung kleiner Faserkügelchen auf der Oberfläche von Textilien, ist bei recycelter Wolle oft stärker ausgeprägt als bei Neuware. Der Grund dafür liegt in einem fundamentalen Materialparameter: der Faserlänge. Beim mechanischen Recycling von Altkleidern werden die Stoffe gerissen und aufgeraut, um wieder einzelne Fasern zu gewinnen. Dieser Prozess führt unweigerlich zu einer Verkürzung der ursprünglichen Wollfasern. Kürzere Fasern haben weniger Halt im Garnverbund und arbeiten sich durch Reibung beim Tragen und Waschen schneller an die Oberfläche, wo sie verfilzen und die ungeliebten Knötchen bilden.

Wie die mikroskopische Aufnahme verdeutlicht, ist die Struktur recycelter Fasern heterogener. Laut Experten für Textilverarbeitung ist die Tendenz zur Knötchenbildung direkt von der Faserlänge abhängig. Um die Stabilität zu erhöhen, wird recycelte Wolle daher oft mit längeren Neu-Fasern (wie Schurwolle) oder synthetischen Fasern (wie Polyamid) gemischt. Achten Sie beim Kauf auf das Mischverhältnis: Ein höherer Anteil an Neu-Fasern deutet oft auf eine bessere Qualität und geringere Pilling-Neigung hin. Innovative chemische Recyclingverfahren versprechen jedoch Besserung. Bei einem neuen Ansatz für Polyamid-Wolle-Mischungen wird nur das Polyamid aufgelöst, wodurch die Wollfaser mit nur minimaler Längenreduktion zurückgewonnen werden kann. Dies zeigt, dass technischer Fortschritt die qualitativen Nachteile des Recyclings zukünftig stark reduzieren könnte.
Was ist ethisch besser: Altes Gold einschmelzen oder faires Gold schürfen?
Die Entscheidung zwischen recyceltem Gold und fair geschürftem Gold ist ein klassisches ethisches Dilemma, bei dem ökologische Vorteile gegen soziale Verantwortung abgewogen werden müssen. Aus reiner Umweltsicht ist recyceltes Gold der klare Sieger. Das Einschmelzen von Altgold, sei es aus altem Schmuck oder aus Elektroschrott – ein Prozess, der als „Urban Mining“ bekannt ist – verursacht drastisch weniger CO2-Emissionen und verbraucht kaum Wasser. Es werden keine neuen Minen benötigt, keine Landschaften zerstört und keine giftigen Chemikalien wie Zyanid oder Quecksilber in die Umwelt freigesetzt.
Diese Perspektive wird durch den folgenden Vergleich verdeutlicht, der auf Daten des deutschen Bundesumweltministeriums zur Nachhaltigkeit in der Modebranche basiert.
| Kriterium | Recyceltes Gold | Fair-Trade-Gold |
|---|---|---|
| CO2-Bilanz | 95% weniger Emissionen | Reduziert, aber immer noch erheblich |
| Wasserbedarf | Minimal (nur Reinigung) | Hoch (bis zu 140.000L pro kg) |
| Soziale Auswirkungen | Neutral (keine neuen Minen) | Positiv (faire Löhne, sichere Bedingungen) |
| Verfügbarkeit | Begrenzt durch Altgoldmenge | Stetig, aber limitiert |
| Preis | Marktpreis | 10-15% über Marktpreis |
Der entscheidende Nachteil von recyceltem Gold ist jedoch seine soziale Neutralität. Es trägt nichts zur Verbesserung der oft katastrophalen Arbeitsbedingungen von Millionen von Menschen im kleingewerblichen Bergbau bei. Fair-Trade-Gold hingegen garantiert den Minenarbeitern faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und verbietet Kinderarbeit. Die Wahl ist also eine Grundsatzentscheidung: Priorisiert man den maximalen Umweltschutz durch die Nutzung vorhandener Ressourcen oder die direkte soziale Unterstützung der Menschen am Anfang der Lieferkette? Die wachsende Bedeutung von Urban Mining wird durch Experten unterstrichen. Dr. Christian Hagelüken von Umicore Precious Metals Refining formuliert es prägnant:
Urban Mining ist die Goldmine der Zukunft – aus einem alten Smartphone können bis zu 40mg Gold gewonnen werden.
– Dr. Christian Hagelüken, Umicore Precious Metals Refining
Warum riecht recyceltes Sportzeug schneller nach Schweiss als neues?
Viele Träger von Sportkleidung aus recyceltem Polyester (rPET) berichten von einem frustrierenden Phänomen: Die Kleidung beginnt oft schon nach kurzer Zeit, unangenehm nach Schweiss zu riechen, selbst nach dem Waschen. Dieses Problem ist nicht eingebildet, sondern hat eine materialtechnische Ursache. Der Recyclingprozess von PET-Flaschen zu Fasern verändert die Oberflächenstruktur des Materials. Die Oberfläche der recycelten Fasern ist oft rauer und poröser als die von neu hergestelltem („virgin“) Polyester. Diese mikroskopisch kleinen Unebenheiten bieten einen idealen Nährboden für geruchsbildende Bakterien, die sich dort festsetzen und vermehren können.
Zusätzlich können sich in diesen winzigen Poren Schweissrückstände, Hautfette und Waschmittelreste ansammeln, die von normalen Waschgängen bei niedrigen Temperaturen nicht vollständig entfernt werden. Diese Rückstände dienen den Bakterien als Nahrung und verstärken die Geruchsentwicklung. Ein weiterer Aspekt ist, dass recyceltes Polyester bei jedem Waschgang Mikroplastik freisetzt, auch wenn die genaue Menge umstritten ist. Diese Faserbruchstücke können die Problematik weiter verschärfen. Um das Geruchsproblem in den Griff zu bekommen, ist eine angepasste Pflegeroutine unerlässlich. Herkömmliche Methoden reichen oft nicht aus, um die Bakterien tief aus der Faserstruktur zu entfernen.
Ihr Aktionsplan: Geruchsbekämpfung bei recycelter Sportkleidung
- Sofortiges Lüften: Hängen Sie die Kleidung direkt nach dem Sport zum Trocknen auf und lassen Sie sie nicht feucht in der Sporttasche liegen.
- Spezialwaschmittel verwenden: Waschen Sie bei 30°C mit einem Sportwaschmittel. Verzichten Sie unbedingt auf Weichspüler, da dieser die Faserporen verklebt und die Atmungsaktivität reduziert.
- Essig-Vorbehandlung anwenden: Weichen Sie die Kleidung einmal im Monat für ca. 30 Minuten in einer Essig-Wasser-Lösung (Verhältnis 1:4) ein, bevor Sie sie waschen. Essig wirkt antibakteriell.
- Auf links waschen: Drehen Sie die Kleidung auf links, damit das Waschmittel direkten Kontakt mit der Innenseite hat, wo sich die meisten Schweiss- und Bakterienrückstände befinden.
- An der Luft trocknen: Trocknen Sie die Kleidung an der frischen Luft. Das UV-Licht der Sonne hat eine zusätzliche antibakterielle Wirkung, die hilft, Gerüche zu neutralisieren.
Verbraucht das Recycling von Jeans mehr Wasser als die Neuproduktion?
Die Frage ist komplexer, als sie scheint, denn es kommt darauf an, *was* recycelt wird. Wenn es um das mechanische Recycling von alten Jeans zu neuen Fasern geht, ist die Antwort ein klares Nein. Der grösste Wasserverbrauch bei der Herstellung einer neuen Jeans entfällt auf den Anbau der Baumwolle – bis zu 10.000 Liter pro Kilogramm Baumwolle. Dieser Schritt entfällt beim Recycling komplett. Der Wasserverbrauch beschränkt sich hier auf den Wasch- und Färbeprozess, der weitaus geringer ist. Hinzu kommt eine massive Einsparung bei Treibhausgasen. Laut einer McKinsey-Studie kann das thermo-mechanische Textilrecycling zu einer Einsparung von 70-80% bei Treibhausgasen im Vergleich zur Neuproduktion führen.
Die öffentliche Wahrnehmung ist jedoch oft durch Jeans geprägt, die aus recycelten PET-Flaschen hergestellt werden. Hier wird die Sache komplizierter und kritischer. Dieser Prozess ist technisch ein Downcycling, keine echte Kreislaufwirtschaft. Aus einer hochwertigen, lebensmittelechten Verpackung wird ein minderwertigeres Textilprodukt. Dieses kann am Ende seines Lebenszyklus kaum sinnvoll erneut recycelt werden. Es ist eine Einbahnstrasse, die letztlich im Abfall endet. Kai Nebel, Experte für textile Verfahrenstechnik an der Hochschule Reutlingen, kritisiert diesen Ansatz scharf:
Ein Recycling von Flaschen zu Fasern ist nicht sinnvoll – Faser-zu-Faser-Recycling findet so gut wie nicht statt.
– Kai Nebel, Hochschule Reutlingen
Die wirklich nachhaltige Innovation liegt im Faser-zu-Faser-Recycling, also dem Prozess, aus alten Textilien wieder neue Textilien herzustellen. Dies schliesst den Kreislauf wirklich und stellt die ökologisch überlegene Methode dar. Beim Kauf einer „recycelten“ Jeans sollten Sie also genau hinschauen: Besteht sie aus recycelten Baumwollfasern (echtes Recycling) oder aus recyceltem Polyester (Downcycling)?
Welches Waschmittel zerstört die Struktur Ihrer recycelten Regenjacke?
Recycelte Regenjacken und andere Funktionskleidung basieren auf einer ausgeklügelten Materialtechnologie. Meist handelt es sich um eine Membran (oft aus recyceltem Polyester oder Polyamid), deren Oberfläche mit mikroskopisch kleinen Poren versehen ist. Diese Membranporen sind klein genug, um Wassertropfen von aussen abzuweisen, aber gross genug, um Wasserdampf (Schweiss) von innen nach aussen zu transportieren. Die falsche Pflege kann diese empfindliche Struktur dauerhaft schädigen und die Jacke unbrauchbar machen. Die grössten Feinde der Membran sind herkömmliche Waschmittel und Weichspüler.
Vollwaschmittel enthalten oft Enzyme zur Fleckenentfernung und Bleichmittel, die die empfindliche Membran chemisch angreifen und die Poren vergrössern können, was die Wasserdichtigkeit beeinträchtigt. Weichspüler ist noch problematischer: Er legt sich wie ein Film über die Membran und verklebt die Poren. Die Jacke verliert dadurch vollständig ihre Atmungsaktivität. Sie fühlen sich an wie in einer Plastiktüte, da der Schweiss nicht mehr entweichen kann. Um die Lebensdauer und Funktion Ihrer recycelten Funktionskleidung zu maximieren, ist die Einhaltung einer strikten Pflegeroutine entscheidend:
- Verwenden Sie ausschliesslich spezielle Funktionswaschmittel. Diese sind frei von Enzymen, Bleichmitteln und Füllstoffen.
- Verzichten Sie ausnahmslos auf Weichspüler.
- Waschen Sie die Kleidung bei maximal 30°C im Schonwaschgang, um die mechanische Belastung zu minimieren.
- Schliessen Sie alle Reiss- und Klettverschlüsse und drehen Sie die Jacke vor dem Waschen auf links.
- Die wasserabweisende DWR-Imprägnierung (Durable Water Repellency) auf der Aussenseite wäscht sich mit der Zeit aus. Erneuern Sie diese nach etwa jedem dritten Waschgang mit einem PFC-freien Imprägnierspray.
Dieser sorgfältige Umgang ist Teil eines grösseren Konzepts, der Kreislaufwirtschaft. Wie Experten für nachhaltige Textilien betonen, werden im zukunftsweisenden Cradle-to-Cradle-Prinzip Materialien von Anfang an so konzipiert, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus vollständig recycelt oder biologisch abgebaut werden können. Die richtige Pflege ist der Beitrag des Verbrauchers zu diesem Kreislauf.
Warum sollten Sie Merinowolle nicht nur zum Wandern tragen?
Merinowolle hat sich als Funktionsmaterial im Outdoor-Bereich einen legendären Ruf erarbeitet, doch ihre aussergewöhnlichen Eigenschaften machen sie auch zu einer erstklassigen Wahl für den urbanen Alltag und das Büro. Der Grund für ihren herausragenden Komfort liegt in der Feinheit ihrer Faser. Die Mikronzahl, die den Durchmesser einer Faser misst, ist bei Merinowolle extrem niedrig. Laut Experten für Naturfasern stammen die feinsten Schurwollfasern von Merinoschafen, was sie unglaublich weich und kratzfrei macht – im Gegensatz zu herkömmlicher, gröberer Wolle.
Diese Feinheit, kombiniert mit den natürlichen Eigenschaften der Wollfaser, schafft ein unübertroffenes Tragegefühl. Merinowolle ist thermoregulierend: Sie wärmt bei Kälte und kühlt bei Wärme. Gleichzeitig ist sie stark feuchtigkeitsabsorbierend und atmungsaktiv, was bedeutet, dass sie Schweiss von der Haut wegleitet, ohne sich nass anzufühlen. Ein weiterer, entscheidender Vorteil im Alltag ist ihre natürliche Geruchsresistenz. Die antibakteriellen Eigenschaften der Faser verhindern die Vermehrung von geruchsbildenden Bakterien. Ein Merino-Shirt kann oft mehrere Tage getragen werden, bevor es gewaschen werden muss – Lüften über Nacht genügt meist. Dies spart nicht nur Wasser und Energie, sondern macht es auch zum idealen Begleiter auf Geschäftsreisen.
Die Kombination aus elegantem Fall, weicher Haptik und funktionaler Performance prädestiniert Merinowolle für eine minimalistische, hochwertige Garderobe („Capsule Wardrobe“). Ein gut geschnittener Merino-Pullover oder ein feines Merino-Shirt sieht im Büro unter einem Blazer genauso gut aus wie in der Freizeit und bietet dabei einen Komfort, den synthetische Fasern kaum erreichen können. Es ist die perfekte Symbiose aus Natur, Luxus und Funktionalität.
Warum ist ‚vergoldet‘ nicht immer die nachhaltige Alternative, die Sie denken?
Vergoldeter Schmuck scheint auf den ersten Blick eine ressourcenschonende Alternative zu massivem Goldschmuck zu sein. Man erhält den luxuriösen Look für einen Bruchteil des Preises und des Materialeinsatzes. Doch aus der Perspektive der Kreislaufwirtschaft ist diese Annahme oft ein Trugschluss. Das Kernproblem liegt in der Recyclingfähigkeit. Bei den meisten vergoldeten Schmuckstücken handelt es sich um eine hauchdünne Goldschicht auf einem unedlen Trägermaterial wie Messing oder Kupfer. Der Goldanteil ist so gering, dass eine wirtschaftliche Trennung und Rückgewinnung des Goldes kaum möglich ist.
Wie Experten der deutschen Recyclingwirtschaft bestätigen, kann vergoldeter Modeschmuck in Deutschland nicht wirtschaftlich recycelt werden. Das bedeutet, dass das für die Vergoldung verwendete Edelmetall am Ende des Produktlebenszyklus für den Wertstoffkreislauf verloren geht und auf der Mülldeponie landet. Es ist eine lineare Einbahnstrasse, keine zirkuläre Lösung. Aus materieller Sicht ist es daher oft nachhaltiger, in ein einziges, hochwertiges Schmuckstück aus massivem Recyclinggold zu investieren, das seinen Wert behält und unendlich oft eingeschmolzen und neu geformt werden kann, als mehrere kurzlebige, vergoldete Teile zu kaufen.
Zudem birgt vergoldeter Schmuck oft gesundheitliche Risiken. Unter der dünnen Goldschicht, die sich mit der Zeit abnutzt, befinden sich häufig nickelhaltige Legierungen. Sobald diese mit der Haut in Kontakt kommen, können sie bei empfindlichen Personen schwere Kontaktallergien auslösen. Bessere, langlebigere und oft allergikerfreundlichere Alternativen sind „Gold Vermeil“ (eine dicke Goldschicht auf Sterlingsilber) oder „Gold Filled“, bei dem eine Goldschicht mechanisch auf ein Trägermaterial aufgewalzt wird und deutlich dicker und haltbarer ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Materialwissen schlägt Marketing: Der Komfort und die Langlebigkeit recycelter Kleidung hängen von technischen Details wie Faserlänge und Oberflächenstruktur ab, nicht vom Etikett allein.
- Keine pauschale Lösung: Jedes Material hat eigene Recycling-Kompromisse. Recyceltes Gold ist ökologisch top, aber sozial neutral. Recycelte Wolle pillt leichter. Recyceltes Polyester braucht spezielle Pflege.
- Achten Sie auf echte Kreisläufe: Faser-zu-Faser-Recycling bei Textilien und massives Recyclinggold sind echten Kreisläufen zuzuordnen, während das Downcycling von PET-Flaschen zu Kleidung eine Einbahnstrasse darstellt.
Wie stylen Sie Upcycling-Mode, ohne wie ein Bastelprojekt auszusehen?
Upcycling-Mode leidet oft unter dem Vorurteil, nach selbstgemachtem Flickwerk auszusehen. Der Schlüssel, um dieses Stigma zu überwinden, liegt in einem radikalen Perspektivwechsel: Betrachten Sie Upcycling nicht als Notlösung, sondern als bewusste Design-Entscheidung. Erfolgreiche Upcycling-Designer behandeln Altmaterialien nicht als Abfall, sondern als wertvolle Ressource mit einer einzigartigen Geschichte und Textur. Ihr Ziel ist es nicht, etwas „zu retten“, sondern etwas Neues und Begehrenswertes zu schaffen. Die Philosophie des deutschen Labels „Ministry of Upcycling“ fasst diesen Ansatz perfekt zusammen: „Was die Arbeitswelt nicht mehr braucht, stellen wir in einen völlig neuen Designkontext.“
Um einen hochwertigen Look zu erzielen, sollten Sie auf drei Prinzipien achten: Fokus, Silhouette und Kombination. Anstatt ein Outfit komplett aus auffälligen Upcycling-Teilen zusammenzustellen, wählen Sie ein einziges, starkes Upcycling-Stück als Fokuspunkt (z.B. eine Jacke aus alten Zeltplanen oder eine Tasche aus Postsäcken). Achten Sie auf eine klare, moderne Silhouette. Viele professionelle Upcycling-Marken wie das deutsche Label MOOT, das aus aussortierten, aber einwandfreien Textilien neuwertige Produkte herstellt, dekonstruieren alte Kleidungsstücke komplett, um daraus moderne, gut sitzende Schnitte zu schaffen.
Kombinieren Sie Ihr Upcycling-Statement-Piece mit hochwertigen, zeitlosen Basics in neutralen Farben (eine gut sitzende Jeans, ein schlichtes T-Shirt, ein klassischer Wollmantel). Dieser Kontrast erdet den Look und lässt das Upcycling-Teil wie ein bewusst gewähltes Kunstwerk wirken, nicht wie ein Zufallsprodukt. Der Trick besteht darin, die Geschichte des Materials durchscheinen zu lassen, ohne dass sie die Ästhetik des gesamten Outfits dominiert. So wird Upcycling von einer reinen Nachhaltigkeitsgeste zu einem Ausdruck von individuellem Stil und Design-Verständnis.
Bewerten Sie Ihre nächste Kaufentscheidung nun mit dem kritischen Blick einer Textilingenieurin und wählen Sie nicht nur ein Produkt, sondern einen bewussten Materialkreislauf, der sowohl Ihrem Komfortanspruch als auch Ihrem Gewissen gerecht wird.
Häufige Fragen zu recycelten Materialien in Mode und Schmuck
Was ist der Unterschied zwischen vergoldet und Gold-Vermeil?
Gold-Vermeil hat einen Echtsilberkern mit mindestens 2,5 Mikrometer Goldschicht, während vergoldeter Schmuck oft eine Basis aus unedlen Metallen hat und die Goldschicht meist deutlich dünner ist. Vermeil ist dadurch hochwertiger, langlebiger und oft besser für Allergiker geeignet.
Warum kann vergoldeter Schmuck Allergien auslösen?
Unter der dünnen Goldschicht, die sich durch Tragen abnutzt, befinden sich bei günstigem Modeschmuck oft nickelhaltige Legierungen. Sobald das Nickel freigelegt wird und mit der Haut in Kontakt kommt, kann es bei empfindlichen Personen Kontaktallergien auslösen.
Ist Gold-Filled eine bessere Alternative?
Ja, Gold-Filled ist eine deutlich robustere und hochwertigere Alternative. Bei diesem Verfahren wird eine Goldschicht mechanisch und unter Hitze auf ein Trägermaterial (meist Messing) aufgewalzt. Der Goldanteil ist 50-100 mal höher als bei einer normalen Vergoldung, was das Schmuckstück sehr langlebig und abriebfest macht. Es ist in der Regel auch für Allergiker unbedenklich.